Neue Veröffentlichung: Wie viel Geld ist angemessen? Eine Vignettenstudie zur Akzeptanz von Sanktionen im SGB II

Seit den Reformen des SGB II 2004/05 gelten Sanktionen in der Grundsicherung als zentrale Säule im aktivierenden Sozialstaat. Sozialpolitisch wird dabei häufig diskutiert, ob Sanktionen generell zulässig sind bzw. dazu führen dürfen, dass Betroffene (temporär) unterhalb des soziokulturellen Existenzminimums leben. Zudem stufte das Bundesverfassungsgericht 2019 Kürzungen über 30 % der Grundsicherungsleistung als verfassungswidrig ein und mahnte einen Reformprozess an. Eine breite öffentliche Akzeptanz der veränderten Sanktionspraxis könnte erreicht werden, wenn empirische Evidenz zur Wahrnehmung solcher Sanktionen den Reformprozess begleitet. Der Beitrag untersucht mittels einer Vignettenanalyse, welche Sanktionen in der Bevölkerung akzeptiert werden, wenn hypothetische Sozialleistungsbeziehende ihre Mitwirkungspflicht verletzen. Eine Mehrheit der repräsentativen deutschen Stichprobe (N = 2621) befürwortet eine als Sanktion verhängte Leistungskürzung bis 30 % der Grundsicherungsleistung. Eine geringe Motivation zur Arbeitssuche, Terminversäumnisse mit den Fachberaterinnen und ein ausländischer Name erhöhen für sich genommen, aber vor allem in Kombination miteinander, die Akzeptanz von Sanktionen signifikant. Das Alter der hypothetischen Sozialleistungsbezieherinnen spielt dagegen nur eine marginale Rolle.

Philipp Linden (2021): Wie viel Geld ist angemessen? Eine Vignettenstudie zur Akzeptanz von Sanktionen im SGB II. In: WSI 74 (6), S. 454–462.

Neue Veröffentlichung: Die Rolle von Gesundheit und Krankheit im deutschen Armutsdiskurs – Eine Inhaltsanalyse der Armuts- und Reichtumsberichte

Mareike Ariaans und Nadine Reibling gehen in ihrem Artikel in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Sozialreform der Frage nach, welche Rolle Gesundheit innerhalb der politischen Armutsdebatte in Deutschland einnimmt. Hierzu betrachten sie die seit 2001 veröffentlichten Armuts- und Reichtumsberichte der deutschen Bundesregierung vor dem Hintergrund der Medikalisierungstheorie. Mittels qualitativer und quantitativer Inhaltsanalyse wird untersucht, wie Gesundheit und Krankheit in den Berichten dargestellt werden. In der Auswertung wird sichtbar, dass Armut hauptsächlich als Ursache von Krankheit beschrieben wird. Die formulierten Interventionsmöglichkeiten konzentrieren sich dennoch vorrangig auf die Verbesserung des Gesundheitssystems und nicht auf Maßnahmen zur Armutsbekämpfung. Erst in den beiden letzten Berichten wird zunehmend die Verhältnisprävention betont. Gleichzeitig zeigt sich in diesen eine Verschiebung weg von individueller Verantwortlichkeit hinzu einer stärkeren Diskussion von strukturellen Ursachen.

Ariaans, Mareike; Reibling, Nadine (2021): Die Rolle von Gesundheit und Krankheit im deutschen Armutsdiskurs. In: Zeitschrift für Sozialreform 67 (2), S. 123–152.

Kranke Arbeitslose – Gleiche Leistungen, aber weniger Sanktionen – Ergebnisse der Forschungsgruppe im FIS-Briefing

Das diesjährige FIS-Forum musste wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Dennoch konnten aktuelle Forschungsergebnisse aus dem Projekt im diesjährigen FIS-Briefing 2020 des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) veröffentlicht werden. Die MEPYSO-Publikation finden Sie hier, alle anderen Beiträge hier.

Neue Veröffentlichung: Medicalization and psychologization of poverty? An analysis of the scientific poverty discourse from 1956 to 2017

Stephan Krayter und Nadine Reibling haben im Journal of Poverty and Social Justice ein systematisches Review zu wissenschaftlichen Publikationen rund um das Thema Armut veröffentlicht. Die Autoren stellen in dem Artikel die Frage ob vermehrt medizinische und psychologische Disziplinen zum Thema Armut publizieren und ökonomische und rechtliche Disziplinen in ihrer Definitionsmacht ablösen. Die Ergebnisse zeigen, dass dies tatsächlich der Fall ist. Medizin und Psychologie gehören in den jüngeren Jahrzehnten zu den am stärksten wachsenden wissenschaftlichen Diziplinen, die sich mit dem Thema Armut auseinandersetzen. Das zeigt eine Veränderung in der Sichtweise mit der Armut begegnet wird.

Krayter, S., & Reibling, N. (2020). Medicalisation and psychologisation of poverty? An analysis of the scientific poverty discourse from 1956 to 2017. Journal of Poverty and Social Justice.

Die MEPYSO-Nachwuchsgruppe geht in die Verlängerung.

Das Fördernetzwerk Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (FIS) finanziert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) hat die 2. Förderphase der Nachwuchsgruppe bewilligt. Das Team freut sich auf spannende Sozialpolitikforschung bis zum 31. Juli 2022. Fokus in unserer zweiten Projektphase ist unsere Projektmonographie und die Ableitung von Politik – und Praxisempfehlungen.

Link zur Pressemitteilung

Lehrforschung im MEPYSO-Projekt

Im Sommersemester haben Studierende im Kontext eines Lehrforschungsprojekts „Nur schwierig oder krank? Ein Lehrforschungsprojekt zur Medikalisierung kindlichen Verhaltens?“ eine erweiterte Variante unserer Vignettenbefragung mit 625 Studierenden und Beschäftigten der Universität Siegen durchgeführt. Die Befragten der Universität Siegen sehen viele Dinge ähnlich wie unsere bevölkerungsrepräsentative Stichprobe aus dem letzten Jahr. So glauben knapp 60%, dass Kinder, die nicht ganz der Norm entsprechen sofort eine Diagnose bekommen (Bevölkerungsstichprobe: 54%). Außerdem lehnen 90% der Befragten eine schnelle Therapie mit Medikamenten bei Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten ab (Bevölkerungsstichprobe: 85%).

MEPYSO beim FIS-Forum in Berlin, 08.-09.10.2019

Auch in diesem Jahr war das MEPYSO-Team beim Forum des Fördernetzwerks Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (FIS) des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales in Berlin vertreten. Unter dem Motto „Dialog, Strategie und Vernetzung“ wurden dort aktuelle Arbeiten FIS-geförderter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vorgestellt. Dr. Nadine Reibling, Mareike Ariaans, Stephan Krayter und Philipp Linden haben in diesem Rahmen aktuelle Ergebnisse aus dem MEPYSO-Projekt vorgestellt und einen Vortrag zum Thema „Die Rolle von Medizin und Psychologie im deutschen Sozialstaat“ gehalten.

MEPYSO bei der ESPANET Konferenz in Stockholm, 5.-7.09.2019

Vom 05. Bis 07. September 2019 hat das MEPYSO Projekt an der ESPANET Konferenz in Stockholm teilgenommen und zwei aktuelle Forschungsartikel vorgestellt:

Philipp Linden & Nadine Reibling: Medicalization as alternative path through welfare? ‘“Determinants of the transition from unemployment to a medical leave status in the German social policy system.

Stephan Krayter & Nadine Reibling: Has poverty been increasingly medicalized? An empirical study of the scientific poverty discourse.

MEPYSO bei der RC 19 in Mannheim, 28.-30.08.2019

Das MEPYSO-Team war auf der RC19 in Mannheim mit folgenden drei Vorträgen vertreten:

Philipp Linden & Nadine Reibling: Medicalization as alternative path through welfare? Determinants of the transition from unemployment to a medical leave status in the German social policy system.

Stephan Krayter & Nadine Reibling: An analysis of the scientific poverty discourse. Do health sciences matter?

Mareike Ariaans & Nadine Reibling: Blaming the individual? A longitudinal analysis of the framing of unemployment in German parliamentary debates.

Neue Veröffentlichung in Europe Now: Motor oder Bremse? Europäische Wohlfahrtsstaaten und die Medikalisierung sozialer Probleme

Im Rahmen des Spezialheftes Public Health in Europe ist ein Beitrag von Nadine Reibling erschienen, indem es um die Frage geht, wie der Sozialstaat beeinflusst, in welchem Ausmaß Ärzte und Medikamente eingesetzt werden, um soziale Probleme zu lösen. Der Beitrag zeigt, dass Sozial- und Gesundheitspolitik einen wichtigen Einfluss auf Medikalisierungsprozesse hat, z.B. führt die Regulierung des Arzneimittelmarktes in vielen europäischen Gesundheitssystemen dazu, dass viel weniger Psychopharmaka verschrieben werden als in den liberalen USA. Umgekehrt kann der Wohlfahrtsstaat selbst zu Medikalisierung beitragen, z.B. zu höherer Erwerbsunfähigkeit durch Druck zur Beschäftigungsaufnahme in der Grundsicherung.

Reibling, N. (2019): Engine and Brakes: European Welfare States and the Medicalization of Social Problems. Europe Now, https://www.europenowjournal.org/2019/06/10/engine-and-brakes-european-welfare-states-and-the-medicalization-of-social-problems/.